Bild Frieda WionzekFriedas künstlerische Arbeiten führen den Betrachter zu einer bewegten Ruhe, zur Mitte und Zentrierung.

Sie öffnet diesen Weg, indem sie ihre befreienden, klaren Seelenbilder im Erleben und der bildnerischen Übersetzung von Natur spielgelt.

Ihre Abstraktionen führen so vom gegenständlich noch Erahnbaren in weite Räume inneren Erlebens und voller Schönheit.

Künstlerische Entwicklung

Friedas künstlerischer Weg begann 1999 über die verdichtete Abstraktion ihrer Wahrnehmung von Sein und Umfeld. Aus der Lehrer-Schüler Beziehung als Meisterschülerin von Evelyne Knobling entwickelte sich eine auch über die künstlerische Arbeit hinausgehende menschlich inspirierende Begegnung und ein reger Austausch mit der Künstlergruppe Arenberg um ihre Mentorin.

Seit 2005 gewann Frieda weitere Anregungen aus der Künstlergruppe Pellenz.

2006 vertiefte sie ihre künstlerische Ausbildung im Studio für Kunsterziehung der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Friedas Arbeiten sind regelmäßig in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen im Rheinland zwischen Bonn und Koblenz sowie in der Vulkaneifel und der Südpfalz zu sehen.

Frieda lebt und arbeitet freischaffend in der Nähe von Koblenz.

 

 

Laudatio von Beatrice Fermor

Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde!

Zur Eröffnung einer Ausstellung von Frieda Wionzek. Ich beginne diese Rede poetisch – mit einem etwas abgewandelten Gedicht von Hilde Domin:

Das Gefieder der Bilder

Das Gefieder der Bilder streicheln

Bilder sind Vögel mit ihnen davonfliegen.

Man kann mit den farbintensiven, kraftvollen, leuchtenden Bildern von Frieda Wionzek tatsächlich fliegen, weil sie zutiefst geerdet sind.

Diese besondere Erdung wurzelt in der Biographie der Künstlerin. So möchte ich Sie heute Abend einladen zu einer Reise in die frühen, bewegten Jahre ihres Lebens.

Frieda Wionzek wurde am 26. November 1960 in Kirgisien geboren. Der asiatische Kulturraum war ihr bis zu ihrem achten Lebensjahr Heimat. Sie erlebte Winter von eisiger Kälte und Sommer von über 40 Grad Hitze. Zu ihren Lieblingsorten in dieser kargen Landschaft gehörte ein kleiner Gebirgsfluss, der in reißender Strömung von den Bergen hinabschoss.

Vom Rauschen dieses Flusses, seinem glasklaren, eisigen Wasser hat die Künstlerin eindrücklich erzählt. Er trug aus dem nahegelegenen China immer wieder zarte Porzellanscherben mit sich, Pialki, die Frieda mit innbrünstiger Leidenschaft sammelte. Manchmal waren kleine Motive darauf erkennbar.

Die ersten Lebensjahre in dieser einsamen Landschaft waren heilsam selbstverloren. Es gab kein Spielzeug, keine Medien. Die Natur, und was man in ihr fand, beflügelte die Seele, ließ der Phantasie Raum zum freien Spiel. Eigene Welten entstanden.

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Über Nacht musste Friedas Familie diese vertraute Welt aufgeben und hinter sich lassen. Über Nacht musste Frieda sich auf ein neues Leben einstellen.

Fast 5000 Kilometer legte sie mit dem Zug zurück. Fünf Tage zogen Landschaften unentwegt an ihr vorüber – bis sie in Estland ankam. Eine Reise, die nie mehr zurückführen würde.

Estland wurde ihr zu einer neuen Heimat – wiederum einer Heimat auf Zeit. Bilder von Kleewiesen und Kuhherden prägen sich ihr ein. Als sie 14 Jahre alt ist, erkrankt ihre Mutter schwer. So schwer, dass sie zeitlebens ein Pflegefall sein wird. So muss Frieda auch diesen Lebensort wieder aufgeben. Wieder über Nacht, wieder ohne Vorankündigung und kommt auf abenteuerlichen Wegen über Moskau nach Deutschland.

Früh muss sie lernen, ihre seelischen Wurzeln in einer spirituellen Heimat zu finden. Davon erzählt für mich ihr Bild „Verwurzelt“. Beim Betrachten dieses Bildes kamen mir unwillkürlich diese Verse von Hilde Domin in den Sinn:

 

Ziehende Landschaft

 

Man muss weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muss den Atem anhalten,

bis der Wind nachläßt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,

bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zuhause sind,

wo es auch sei,

und niedersitzen können und uns anlehnen,

als sei es an das Grab unserer Mutter

 

Wenn Frieda Wionzek aus ihrem Leben erzählt, wenn sie diese kurz von mir skizzierten biographischen Stationen entfaltet, dann ist es für den Zuhörer kaum vorstellbar, dass die Ereignisse, von denen sie berichtet, in ein einziges Menschenleben passen. In ein einziges Teenager-Leben.

Auch in Deutschland wird sie auf einer seelischen Ebene noch oft loslassen und Abschied nehmen müssen.

Sie erfährt, wovon Goethe im West-Östlichem Divan schreibt:

 

Und solang du das nicht hast,

Dieses: stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

 

Frieda Wionzek hat viele Leben in ihrem Leben gelebt. Sie musste viele Leben loslassen. Sie ist eine Reisende. Die äußeren Bewegungen, die sie in ihrem Leben machte, sind untrennbar mit inneren Bewegungen verbunden. Frieda Wionzek hat jede Seelenlandschaft bereist – den Verlust, die Ohnmacht, die Liebe, das Opfer, den Schmerz. Sie hat Gefühle in ihrer Tiefe ausgelotet. Von dieser Tiefe erzählen ihre Bilder, sie sind Seelenbilder.

 

In ihrem Inneren ist Frieda Wionzek eine Malerin von klein auf.

Bilder, Atmosphären, Farben, Motive haben sich in ihr abgelichtet, in ihr geschlummert, gebrodelt und sind auch zeitweise immer wieder kurz aufgebrochen, haben sich einen Weg auf Papier gebahnt.

1999 hat Frieda Wionzek dann begonnen, diesen inneren Bilderschatz zu heben. Sie hat an ihrer Technik gefeilt und geschliffen, um ihre Kunst transparenter werden zu lassen für das, was sichtbar werden möchte. Für die Tiefe, für das Geheimnis. Als Meisterschülerin von Evelyne Knobling, als Schülerin im Studio für Kunsterziehung an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn. Ihr Schaffen auch vom technischen Aspekt her zu perfektionieren und damit die Möglichkeiten ihres Ausdrucks zu erweitern, zu verfeinern, dieses Anliegen begleitet ihren schöpferischen Werdegang.

 

Frieda Wionzek hat auf diesem Weg die Erfahrung gemacht: Lehrer können einen auf verschiedene Weise zu Wachstum bringen: Indem sie das in einem Angelegte unterstützen und aufleben helfen, aber auch, indem sie das in einem Angelegte gerade zu unterdrücken suchen, und es sich dann umso stärker präsent und sichtbar macht.

Frieda Wionzek ist ihren eigenen Weg gegangen. Hat sich abgegrenzt, hat sich in der Reibung und im Widerspruch gefunden. Hat das Eigene herausgemalt. Hat gerungen um Freiheit.

 

Schaut man sich die ersten, frühen Werke der Künstlerin an, fällt auf, wie

schüchtern, zurückhaltend die Farben anfangs waren. Der Betrachter sieht viel Weiß und Pastell. Doch mit der Zeit wurde die Farbgebung intensiver, knalliger, bunter – der Mut zur Expressivität größer.

Ihre Bilder zeugen von unglaublicher  Dynamik und Kraft und zugleich von großer Zartheit – dieses besondere Spannungsmoment verleiht ihnen ihre ganz eigene Faszination.

Da sieht man schwungvolle Pinselführung, die das Medium der Leinwand fast zu sprengen, zu durchdringen scheint.

Daneben stehen monochrome Bilder von großer Ruhe und Tiefe. Eine bewegte Ruhe, vielschichtig und geheimnisvoll. Diese Bilder erinnern an die Musik des Esten Avo Pärt.

 

Den Schaffensprozeß beschreibt die Künstlerin so:

„Ich gehe an die Leinwand und nehme mir nichts vor. Ich fange einfach an.

Wo ich am wenigsten nachdenke, da klappt es am besten.“

Die leere Leinwand wird zum Begegnungsraum. Es gewinnt etwas Gestalt, das sie selbst nicht beabsichtigt. Tiere tauchen auf. Sie malt sie aus der Leinwand heraus. Sie wollen erscheinen. Sie kommen auf sie zu, als seien sie schon da und wollten nur noch sichtbar werden. Einer Matrix entsprungen, die alles beheimatet.

Ihre Bilder selbst sind wie eine Matrix: Sie werden nie langweilig. Sie sind vielschichtig. Immer wieder offenbaren sie dem Betrachter Neues, noch Unentdecktes.

Zentrale Motive der Künstlerin sind Vögel und Kühe. Manchmal entdeckt sie der erste flüchtige Blick nicht. Sie können sich verbergen.

 

Die intensive Verbundenheit der Künstlerin mit Tieren erinnerte mich an schamanische Traditionen, in denen Krafttiere eine besondere Rolle spielen. Eine Tradition, die gerade im Geburtsland der Künstlerin eine große Rolle spielt.

Im Zuge des Verfassens dieser Rede forschte ich etwas nach und war erstaunt über das, was ich las:

Vögel als Krafttiere erscheinen als Boten zwischen den Menschen und der spirituellen, geistigen Welt. Sie erzählen von der Möglichkeit, Dinge neu zu sehen, sich von alten Mustern zu lösen. Sie stehen für die Fähigkeit, Perspektive zu gewinnen und den inneren Raum zu klären. Besonders das Rotkehlchen, das so oft in den Bildern auftaucht, steht für neues Wachstum, für Loslassen, für das Freisetzen von Kreativität.

Die Kuh ist in vielen Mythologien ein zentrales Symbol. Sie ist die Hüterin des Lebens: Sie bringt es hervor, sie schützt es, sie nährt es.

 

Als ich Frieda Wionzek danach fragte, ob sie Visionen für ihre Kunst habe, da antwortete sie mir: „Ich möchte die Seelen der Menschen aufhellen. Ich möchte ihre Stimmung heben, in ihnen ein positives Grundgefühl zum Schwingen bringen. Dass dies gelingt, das wünsche ich mir.“

 

Ihre Bilder tun es schon. Sie künden von der Kraft der Seele.

Wenn Sie sich einlassen auf die Bilder, wenn Sie sich in sie einsehen, dann werden Sie mit dieser Kraft in Verbindung kommen. Denn sie haben einen kundigen Seelenführer an ihrer Seite. Frieda Wionzek kennt das Leben. In allen Farben.

 

Die Großmutter der Künstlerin gab ihrer Enkelin einen weisen Rat mit auf den Lebensweg. Ihre Worte klingen in der Rückschau fast prophetisch. Sie haben sich der Künstlerin tief eingeprägt: „Eine gute Frau muss alles im Dunkeln finden.“

Ein Satz, der vieles birgt, den man auf vielen Ebenen lesen kann.

Frieda Wionzek hat auf der Seelenebene viel Dunkles erlebt. Und sie hat – das zeigen ihre Bilder, das macht ihre ganz eigene Stärke aus – in dieser Dunkelheit alles gefunden: Kraft, Dynamik, die intensive Farbigkeit des Lebens, seine Schönheit und Zartheit. Intuitiv, unbeirrbar, auf den inneren Kompass hörend hat sie dieses „Alles“ gefunden.

Frieda Wionzeks Bilder tun wohl in ihrer tiefen Aufrichtigkeit. Die wunderbaren kraftvollen Farben, die sie hier sehen, wissen um die Dunkelheit. Das macht sie so stark und so leuchtend. Sie sind heil-sam, tragen den Samen des Ganzer-, Vollständiger-, Heiler-Werdens in sich.

Wenn Sie durch die Ausstellung gehen, dann halten Sie Augen und Herzen offen für dieses besondere Licht, das sie berühren möchte und mitnehmen in luftige, leichte Räume voller Perspektive.

Streicheln Sie das Gefieder der Bilder, denn:

Bilder sind Vögel – mit ihnen davonfliegen.

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